Leitbild
Die Geburt des Leitbildes aus dem Geiste der Kalokagathie
Das Leitbild und die 3
Leitbegriffe des Gymnasiums Neuenbürg
von Heinrich Lotz
I.)
Individuelle Bildung (personale Kompetenz) als Resultat gymnasialer
Schulung
von Wissen (fachlicher Kompetenz), Kreativität (methodischer Kompetenz) und
Verantwortung (sozialer Kompetenz)
BILDUNG (personale Kompetenz)
Für die Lehrerinnen und Lehrer
des Gymnasiums Neuenbürg bedeutet Bildung insbesondere Erziehung und
Anleitung zur Selbsterziehung der Schülerinnen und Schüler. Wir orientieren
uns dabei am vorgegebenen Bildungsplan und versuchen die grundlegenden Werte
unserer Verfassung in der alltäglichen pädagogischen Praxis zu realisieren.
Wir verstehen Bildung ganz klassisch als die Entfaltung der motorischen und
emotionalen, der kognitiven und kreativen Potenziale der Persönlichkeit des
jungen Menschen. |
1 Wissen
(fachliche Kompetenz)
Ein wichtiger Aspekt für die Persönlichkeitsbildung der
Schülerinnen und Schüler unseres Gymnasiums ist die Aneignung von profundem
Sach- und Orientierungswissen in den mathematisch – naturwissenschaftlichen,
sprachlich – literarischen, gesellschaftswissenschaftlichen und den
künstlerischen Fächerbereichen. Dazu gehört Einübung in den bewussten Umgang mit den Medien, eine
angemessene Methodenkompetenz, eine gute sprachliche Ausdrucksfähigkeit und die
Vermittlung von Fertigkeiten der Präsentation und Rhetorik.
2 Kreativität (methodische Kompetenz)
Eine offene Atmosphäre soll ermöglichen, das Schulleben und den Unterricht so zu gestalten, dass die Schülerinnen und Schüler ihre eigenen schöpferischen Fähigkeiten ent decken und entwickeln können. In der kreativen Suche nach Problemlösungen, im spielerischen Aneignen und im originellen Darstellen von Wissensinhalten soll der Eigeninitiative Raum gegeben werden und sollen die Schüler innen und Schüler lernen, ihre Fähigkeiten in der Gruppe einzubringen.
3 Verantwortung (soziale Kompetenz)
Durch das Prinzip der Verantwortung wird unser Konzept der ganzheitlichen Bildung vervollständigt. In Zusam- menarbeit mit den Eltern wollen wir die Fähigkeit zu Toleranz gegenüber anderen Menschen und Kulturen ffördern. Werte wie Aufgeschlossenheit, Zivilcourage, Mäßigung, Rücksichtnahme, Höflichkeit und besonders Gerechtigkeit und Gewaltfreiheit stehen im Mittelpunkt unserer Er ziehungsbemühungen. Die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Neuenbürg sollen dazu befähigt werden, Verantwortung für sich und ihre Mitmenschen, für ihre Schule, für Gesellschaft und Politik, für Natur und Zukunft zu übernehmen.
II.) Unser Leitbild hat seinen Ursprung im altgriech. Begriff der Kalokagathie, der eine Zusammenziehung der Wörter „das Schöne“ und „das Gute“ dar- stellt und zugleich „das Wahre“ mitmeint. D.h. im antiken griechischen Denken sind alle drei Bedeutungen wechselseitig austauschbar. |  |
III.) Grundsätzliche Überlegungen zur Erziehung und Bildung von Kindern
und
jungen Heranwachsenden
in Verbindung mit der Kompetenzorientierung
des
baden-württembergischen Bildungsplans von 2004
a.)
Vorwort
Der
Autor behandelt in diesem Aufsatz nur das aus seiner Beschäftigung mit dem
Geist der antiken griechischen Welt entstandene Grundkonzept des Leitbildes
(Kalo-kagathie als Bildung oder personale Kompetenz) und der damit eng
zusammen-hängenden drei Leitbegriffe (des Schönen, Guten, Wahren) und deren
Entsprech-ungen in der neueren Pädagogik (als methodische, soziale und
fachliche Kompetenz).
Dasjenige,
was an schul- und erziehungspraktischen Konsequenzen daraus folgt, kann jeder
Leser den fünf anderen Seiten des Flyers ohne weiteres entnehmen. Deren
Formulierungen und die Gestaltung des Leitbild-Flyers sind in einer
Arbeits-gruppe seit 2003 entstanden. Es ist beabsichtigt, die Inhalte des
Flyers der fortschreitenden Entwicklung unserer Schule anzupassen und das
Layout entsprechend
zu überarbeiten und auf die Homepage zu setzen.
Im
Rahmen einer Zielvereinbarung mit dem Regierungspräsidium Karlsruhe wollen wir
versuchen, allen am Schulleben Beteiligten bis 2014 unser Leitbild
näher-zubringen, um den Zusammenhang von Praxis (Unterricht, Schulalltag und
Zusammenleben am Gymnasium Neuenbürg) und Theorie (Leitbild und Leitbegriffe)
zu verdeutlichen, wie dies schon beim diesjährigen Pädagogischen Tag (17. Mai
2010 und beim Schufest (23. Juli
2010) in Gegenwart von Eltern, Schülern und Lehrern geschehen ist.
Auch
dieser Beitrag in unserer Schulchronik beabsichtigt, dazu einen kleinen Beitrag
zu leisten.
b.)
Erläuterung der Grundkonzeption des Leitbildes
Wer
sich als Erziehungsberechtigter oder Lehrer einmal vor die Frage gestellt
sieht, warum und zu welchem (Wert-)Verhalten ein Kind oder Heranwachsender zu
erziehen sei, der wird sich durch Nachdenken und/oder Anleitung durch
pädagogische Ratgeberliteratur sehr bald auf grundlegende Erziehungsmodelle
verwiesen sehen.
Dass
solche Modelle zumeist sehr alt sind und heute nur in modernem Begriffs-gewande
daherkommen, muss auch für unsere heutigen Erziehungsbemühungen kein Nachteil
sein, wenn die alten Konzepte zu unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit
passen.
Wie
oben schon als Überschrift über der folgenden Graphik steht, hat unser Leitbild
seinen Ursprung im altgriechischen Begriff der Kalokagathie. Er stellt eine Zusammenziehung
der Wörter „das Schöne“ und „das Gute“ dar, der zugleich
ein drittes, „das Wahre“, mitmeint. D.h. im antiken griechischen Denken
sind alle drei Bedeutungen wechselseitig austauschbar und zielen auf dasselbe,
nämlich „das Absolute“. Wobei in unserem Zusammenhang offenbleiben kann,
welche Vorstellungen in der griechischen Geisteswelt damit verbunden wurden.
Zu
fragen ist, ob der Begriff der Kalokagathie für uns Heutige noch als Erziehung-konzept
und als Leitbild tragfähig erscheint.
In
Frankfurt am Main, wo sich das erste demokratische Parlament Deutschlands in
der Paulskirche versammelt hat, findet sich über dem Eingangsportal der Alten
Oper als Leitspruch die Inschrift:„Dem Schönen, Guten, Wahren“.
Dieser
Hinweis mag uns verdeutlichen, dass es ein Bewusstsein im
demokratisch-fortschrittlichen Bürgertum Frankfurts für die genannten Werte im
19. und 20. Jhdt. gegeben hat und gibt. Wir verbinden im schulischen Rahmen mit
dem Schönen die Kreativität, mit dem Guten die Verantwortung und mit dem Wahren
das Wissen.
c.)
Bildung als personale Kompetenz, die u.a. aus dem
schulischen Erwerb von fachlicher (Wissen), methodischer (Kreativität) und
sozialer Kompetenz (Verantwortung) resultiert
Bei
der Beantwortung der Frage nach der grundsätzlichen Wertorientierung heutiger Kinder
und Heranwachsender ist zu prüfen, ob sich diese drei Begriffe als hilfreich
erweisen.
Zu
Beginn dieses Aufsatzes ist oben in einem Kästchen abgedruckt, was im Leitbild-Flyer
als Bildung verstanden wird. Als Bildung gilt dort zunächst „insbesondere
Erziehung und Anleitung zur Selbsterziehung der Schülerinnen und Schüler. Wir
orientieren uns dabei am vorgegebenen Bildungsplan und versuchen die
grund-legenden Werte unserer Verfassung in der alltäglichen pädagogischen
Praxis zu realisieren.“
Wer
erziehen will, muss selbst wissen, an welchen Zielen sich diese Erziehung
orientieren soll. Gibt es gute Argumente, die gegen ein Erziehungskonzept
sprechen, das die grundlegenden Werte des Schönen, Guten und Wahren intendiert?
Welche
Werte könnten sich als besser und geeigneter erweisen?
Für
eine schulische Erziehungskonzeption liegt es nahe, beim Erlernen des Wahren –
und das heißt in diesem Zusammenhang -, beim weitgehend gesicherten Wissen der
verschiedenen Unterrichtsfächer anzusetzen.
Dies
erscheint bei sorgfältiger Prüfung als pädagogisch alternativlos; wie auch die
Anlehnung an die baden-württembergische Landesverfassung (die
bemerkenswerter-weise in Artikel 17,1 postuliert: „In allen Schulen waltet der
Geist der Duldsamkeit und der sozialen Ethik.“) sowie an unser Grundgesetz mit
seinen 19, in ihrem Wesensgehalt unantastbaren Menschen-, Grund- und
Bürgerrechtsartikeln, die in der Praxis des schulischen und außerunterrichtlichen
Alltags ganz konkret zu realisieren sind. (SV, Streitschlichter, Schule gegen
Rassismus usw.)
Noch
ein Wort zum Thema Selbsterziehung: Jede Erziehung von verantwortungsvollen
Eltern und Erziehern muss darauf gerichtet sein, sich selbst überflüssig zu machen.
Dabei liegt die eigentliche Erziehungsleistung darin, jedem Individuum altersgemäß
das rechte Maß von Freiheit und Führung angedeihen zu lassen. Viele nachdenkliche
Eltern wissen um diese schwierige Gratwanderung.
Da
es normalerweise unterschiedliche Entwicklungsgeschwindigkeiten von Kindern und
Jugendlichen gibt, ist dies auch im schulischen Umfeld eine Größe, die
berück-sichtigt werden muss.
Als
gesellschaftlicher Konsens kann gelten, dass ein Schüler etwa im Alter von 18
Jahren soviel Fähigkeit zur Selbststeuerung aufbringt, dass man ihm das
„Zeugnis der Reife“(d. h. das Abitur; im österreichischen „matura“, d.h. lat.
Reife) ausstellen kann.
- Wegen unterschiedlicher Reifungsgrade von jungen Menschen ist im
bundesdeutschen Strafrecht die Anwendung des Jugendstrafrechts bis zum 21.Lebensjahr
vorgesehen.
d.)
Definition der Intelligenz in der modernen Pyschologie
„Wir
verstehen Bildung ganz klassisch als die Entfaltung der motorischen und
emotionalen, der kognitiven und kreativen Potenziale der Persönlichkeit des
jungen Menschen.“
Die
neuere Psychologie unterscheidet kognitive (geistige), emotionale
(gefühlsmäßige) und motorische (bewegungsmäßige) Intelligenz. Jeden dieser drei
Intelligenzbereiche gelte es in der Erziehung des Menschen im Zusammenhang zu
fördern. Das Gymnasium kann diesen Forderungen von seinem Bildungsauftrag her
in besonderer Weise ganzheitlich nachkommen. Unmittelbar einleuchtend ist, dass
durch das vielfältige Fächerangebot die kognitive Intelligenz auf mannigfaltige
Weise
gefördert wird. In den Fächern Mathematik und Philosophie wird
logos-orientiertes Denken gefördert, in den Naturwissenschaften werden mit
Hilfe von
Modellen
und Theorien Phänomene aus dem weiten Feld vom Mikro-, bis zum Makrokosmos
erklärt. In alten und neuen Fremdsprachen wird durch das Erlernen und Anwenden
von Sprache die kommunikative Kompetenz über den mutter-sprachlichen Horizont
hinaus erweitert usw.
Die
emotionale Intelligenz wird gefördert durch das Zusammensein im
Klassen-verband, in den Mannschaftssportarten, in den Bläserklassen, durch
Gruppenarbeit, durch Schachturniere, durch Theater- und Orchesterspiel, durch
gemeinsame Schullandheimaufenthalte, durch den Schüleraustausch mit englischen,
französischen, spanischen und ungarischen Schülerinnen und Schülern, durch
Exkursionen und Studienfahrten usw.
Die
motorische Intelligenz wird insbesondere im Sportunterricht geübt. Der
altgriechische Ursprung des Wortes Gymnastik (Leibesübungen) verweist
selbstredend auf eine alte Praxis des Gymnasiums. Aber auch das Erlernen eines
Musikinstrumentes
oder die handwerklichen Aspekte der bildenden Künste (Malen, Bildhauerei) oder
die Beherrschung einer Schreibtastatur verfeinern die Motorik der Lernenden.
Die
gerade erläuterten drei Intelligenzpotenziale benötigen evidenterweise
ergänzend das der Kreativität, das quasi das als alle Bereiche durchdringende
und alle drei anderen Potenziale zum Ganzen zusammenfügende
Persönlichkeitsmoment darstellt.
e.)
Schluss
Die
oben unter I zitierten Definitionen der drei Leitbegriffe (Wissen, Kreativität,
Verantwortung) bedürfen für den Leser nach dem bisher Ausgeführten keiner
weiteren
Erläuterung mehr. Wie aus II (Kalokagathie-Graphik) jedem ersichtlich ist, kann
man diesen Leitbegriffen auch leichthin die drei modernen Kompetenzbegriffe
zuordnen (fachlich, methodisch,
sozial), die das Bildungsziel personale Kompetenz fundieren.
Mit
dieser Konzeption des Leitbildes aus dem Geiste der Kalokagathie, um hier noch
einmal den abgewandelt benutzten Titel eines großartigen Werkes von Friedrich
Nietzsche in Erinnerung zu bringen, hat das Gymnasium Neuenbürg eine historisch
und systematisch wohltheoretisierte Plattform für allerlei sinnvolle
pädagogische Aktivitäten, wie vom baden-württembergischen Bildungsplan her
gefordert.

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